Sven Krumbeck Blog

Rede zur Unterrichtssituation/Lehrermangel in Schleswig Holstein

Sven Krumbeck [PIRATEN]:

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir reden heute über Bildung, über den Bericht zur Unterrichtssituation im Land und über die vorhandenen Probleme. Wir sprechen über Daten des Jahres 2011, die uns mit dem Bericht zur Unterrichtssituation vorliegen, eine Erhebung aus der schwarz-gelben Regierungszeit. So ist jeder irgendwo beteiligt: die von damals, wir von heute und im besten Fall alle zusammen für die von morgen.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt SSW)

Die vorgelegten Anträge zum Unterrichtsausfall lassen den Schluss zu, dass hier der fraktionsüber- greifende Ruf nach Ehrlichkeit laut geworden ist. Das ist auch gut. Im Bildungsbereich wurde in den zurückliegenden Jahren die Ehrlichkeit fast immer durch statistische Spielchen außer Kraft gesetzt. Eine ehrliche Bestandsaufnahme wäre hier ein Quantensprung. Ich hoffe, dass er gelingt. Wir werden später noch über die einzelnen Anträge sprechen.

Zunächst aber danke ich der Bildungsministerin und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für den vorliegenden Bericht.

(Beifall PIRATEN, SPD und SSW)

Er ist einer von vielen aus den letzten Wochen und Monaten, einer, der seit 1977 regelmäßig vorgelegt wird und zunehmend Spielraum für Interpretationen lässt. Das liegt nicht an denjenigen, die den Bericht erstellen, sondern an den sich verändernden Anforderungen an die Daten.

Zum Beispiel wurde mit der Einführung der Kontingentstundentafel die Verantwortung der Stundenzuweisung an die Schulen übergegeben. Politisch heißt das: Verantwortung übertragen. Die, die damit vor Ort umgehen müssen, nennen das: Mangelwirtschaft. Ich spreche mich an dieser Stelle nicht gegen die Kontingentstundentafel aus. Ich glaube aber, dass die veränderten Strukturen, Notwendigkeiten und Entwicklungen heute andere Instrumente und Erhebungen verlangen als damals im Jahr 1977.

(Martin Habersaat [SPD]: Das war ein gutes Jahr!)

Auch wenn es an der ein oder anderen Stelle schon Veränderungen im Bericht gab, können wir sicher noch zielgenauer Fragen stellen.

Mit den Daten ist das ohnehin so eine Sache. Was im letzten Jahr noch vom liberalen Bildungsminister Klug sehr umfangreich, nämlich im Rahmen der Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Kollegin Erdmann, hinsichtlich der kleinen Grundschulen im Land beantwortet wurde, geht heute nicht mehr.

(Dr. Ekkehard Klug [FDP]: Ja!)

Nach den bedrohten Grundschulstandorten gefragt, hat das Ministerium auf meine sehr ähnliche Kleine Anfrage völlig ahnungslos geantwortet: Die Daten sind nicht bekannt, sie werden nicht erhoben. Ich hoffe an dieser Stelle ganz stark, dass mit den Daten im Ministerium nicht auch die Kenntnis um die Sorgen der kleinen Grundschulen verloren gegangen ist, damit die kleinen Schulen in der Fläche nicht zu Frau Wendes vergessenen Kindern werden.

(Beifall PIRATEN, vereinzelt CDU und FDP – Zuruf: Haushaltsansatz!)

Zwei Dinge könnten hier helfen, zum einen, dass ich mir die Daten an anderer Stelle besorgt habe und der Ministerin gern vollständig zur Verfügung stelle, damit sie mitreden kann, wenn es um die Schließung kleiner Schulen geht. Zum anderen haben heute die Eltern vom Netzwerk Dithmarscher Grundschulen vor diesem Haus auf ihre Sorgen aufmerksam gemacht. Auch das gehört zur Unterrichtssituation in diesem Land dazu.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt FDP)

Denn während in den Schulen versucht wird, mit den Ressourcen umzugehen und den gewachsenen und veränderten Anforderungen gerecht zu werden, vergleichen wir hier im Landeshaus Daten und Erhebungen aus vielen verschiedenen Perspektiven und kommen immer wieder zu einem Ergebnis, das uns jüngst noch einmal von Herrn Dr. Köller im Bildungsausschuss vorgestellt wurde: Die Strukturen sind unerheblich. Lernleistungen lassen sich steigern, Lernbiografien positiv entwickeln, wenn a) die Lehrerinnen und Lehrer in der Lage sind, Schwächen und Stärken zu diagnostizieren und sie b) entsprechend differenziert die Schüler fördern und fordern. Dafür benötigen sie unter anderem die entsprechenden Stunden, um so einen Unterricht erteilen zu können.

(Beifall PIRATEN)

Fast 7.600 Stunden wurden im Schuljahr 2011/2012 im Vergleich zum Vorjahr weniger erteilt. Das ist auch klar, denn es gibt weniger Schüler, weniger Klassen und damit auch weniger zu erteilende Stunden. Dieser Wert allein sagt nicht viel.

Der Bericht kommt immer – interessanterweise wie alle seine Vorgänger auch, egal unter welcher Regierung – zu dem Schluss, dass trotz aller Widrigkeiten die Indikatoren für die Unterrichtsbemessung stabil gehalten wurden. Was heißt denn hier „stabil“? Ein stabiles gut oder ein stabiles schlecht? Was wird, ausgehend von „stabiler Ausgangslage“, erreicht? Wie sieht der Unterricht aus? Was kommt tatsächlich bei den einzelnen Schülern für die Ent- wicklung seiner eigenen Lernbiographie an? Diese Zahlenvergleiche sind interessant und bestimmt auch nützlich, aber sie bringen uns inhaltlich nur bedingt weiter.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sau wird vom Wiegen nicht fett.

(Beifall PIRATEN)

Wir müssen uns vielmehr fragen, wie wir unseren Schulen qualitativ zu mehr Gewicht verhelfen können. Genau da müssen wir hin, denn eine weitere Statistik von vielen, der regelmäßig erscheinende Ländervergleich zur KMK zeigt, dass alle Länder, unabhängig von ihrer Regierungszusammensetzung, immer mehr Geld für Schulen ausgeben. Hier darf man sich fragen, wie sich das in der Qualität der Schulen niederschlägt.

Sie können eine fantastische neue Schule bauen und alles mit Millionenbeträgen ausstatten. Wenn der innere Common Sense, der pädagogische, nicht funktioniert, taugt die Schule nicht. – Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern vom ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm.

(Beifall Lars Harms [SSW] – Martin Habersaat [SPD]: Guter Mann!)

Dass sie aus dem Jahre 1993 stammt, sollte uns heute zu denken geben, denn sie hat in 20 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren.

(Beifall PIRATEN)

Es wird Zeit, dass wir uns alle gemeinsam an dieser Stelle bewegen und eine Schule machen, die trotz aller Schwierigkeiten etwas taugt, die gesund ist. Denn das ist der entscheidende Punkt beim Unter- richtsausfall. In einem gesunden Betrieb können Krankheitsfälle abgefedert werden. In unseren Schulen wird Krankheit zum Problem, weil das strukturelle Defizit – oft zum Beispiel von der GEW genannt und ebenso oft ignoriert – die Krank- heit Nummer eins an unseren Schulen ist.

Wir reden hier über ein möglicherweise vorhandenes strukturelles Defizit, früher sprach man auch von Unterrichtsfehl. Mit der Forderung, dieses strukturelle Defizit zu benennen, gehen die Mehrheitsfraktionen ein großes Risiko ein. Dafür spreche ich ihnen meinen Respekt aus. Schließlich kann das dazu führen, dass die gesamte Finanzierung des Konzepts neu überdacht werden muss, damit eventuell von der demografischen Rendite nichts mehr übrig bleibt. Entscheidend wird sein, wie Sie – Regierung und alle politisch Verantwortlichen hier im Haus – damit umgehen werden. Vielleicht ist eine solche erste ehrliche Bestandsaufnahme auch der Moment für ein Relaunch in der Bildungspolitik, an dem sich wirklich alle beteiligen können und sollten, und das nicht nur auf der Ebene von Partei- und Fraktionsvorsitzenden, sondern mit allen.

Ich freue mich auf eine gute Beratung mit Ihnen al-len im Ausschuss.

(Beifall PIRATEN, vereinzelt SPD, BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

 

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