Sven Krumbeck Blog

Rede zur Flexibilisierung des Einschulalters

Sven Krumbeck [PIRATEN]:

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, es besteht Einigkeit darüber, dass Kinder hinreichend reif sein müssen, um in der Schule mit anderen Kindern mithalten zu können. Wann ein Kind jedoch für das jeweilige System die notwendige Reife hat, darüber bestehen unterschiedliche Auffassungen. Außerdem gibt es sehr individuelle Vorstellungen darüber, was unter Reife – sei es körperlich, sozial oder intellektuell – zu verstehen ist. Wenn das so ist, wird die Frage nach dem richtigen Einschulungsalter im- mer wieder einmal neu gestellt.

Es gibt dazu viele Untersuchungen, die belegen, dass sich die öffentliche bildungspolitische und vor allem auch die pädagogische Diskussion in sichtbaren Wellenlinien vollzogen hat: War man zum Beispiel in den 50er- und 80er-Jahren gegen die vorzeitige Einschulung, gab es in den 70er-Jahren deutliche Mehrheiten dafür. Internationale Studien wie PISA oder PIRLS haben die Diskussion neu angeschoben. Wann sollte ein Kind eingeschult werden? Gerade für Deutschland zeigen diese Studien auch, dass es neben den intellektuellen und körperlichen Unterschieden ein weiteres Problem gibt, das sich in einer belastenden Form der frühen sozialen Selektion zeigt. Dem wollte man entgegenwirken und legte so den Fokus auf die prägende Schnittstelle zwischen Kindergarten und Schule.

So entwickelte sich ein Bündel aus praktischen Instrumenten wie der Eingangsphase, flexiblen Verweildauer und Stichtagsveränderung. Herzstück war doch aber wohl – so habe ich es verstanden – die flexible Eingangsphase. Dabei sollten die unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensumstände der Kinder ebenso berücksichtigt werden wie die individuellen Leistungsmöglichkeiten. Mit altersgemäßen Angeboten sollte den persönlichen Bedürfnissen jedes Kindes Rechnung getragen werden. Individuelle Lehr- und Lernangebote sollten sie in die Lage versetzen, erfolgreich an Lernprozessen teilzunehmen und eine positive Lernbiografie zu entwickeln.

Die Kultusministerkonferenz hat dazu zuletzt 1997 Beschlüsse gefasst, die in den Ländern nach durchaus unterschiedlichen Konzepten umgesetzt werden. In Schleswig-Holstein soll die flexible Eingangsphase mit unterschiedlichen Verweildauern in den ersten Jahren helfen, auch Kindern mit Auffälligkeiten, zum Beispiel in den Bereichen Konzentration, Wahrnehmung, Sprache oder Lerntempo, einen guten Start ins Schulleben zu ermöglichen. Darüber hinaus gibt es besondere Konzepte, die Schleswig-Holstein bundesweit zum Vorbild gemacht haben. Ich erinnere zum Beispiel an das integrative Sprachkonzept, das die Bereiche vor, während und nach der Einschulung des Kindes miteinander verknüpft. – So viel zum Text auf dem Papier.

Dass die Kollegin Klahn heute wieder ein neues Konzept und eine Veränderung der Stichtagsregelung fordert, hat sie sich sicher gut überlegt. Es ist mir aber im ersten Schritt zu schwammig, denn ob wir tatsächlich so eine Neuregelung brauchen, kann ich von hier aus nicht beurteilen. Die Begründung, dass viele Eltern oder Kinderärzte dies fordern, mag richtig sein, ich kann das aber in seiner Qualität und Quantität aktuell noch nicht einordnen. Darum möchte ich dazu gern belastbare Daten und Aussagen haben.

Der Bildungsausschuss der 16. Legislaturperiode hat sich mit dem Thema Eingangsphase eingehend beschäftigt. In dem damals vorgelegten Bericht wird deutlich betont, dass der Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule die Arbeit in den Kindertagesstätten verändert hat. Auf Basis der Bildungsleitlinien für die Arbeit in den Kindertagesstätten hat der frühkindliche Bildungsauftrag zunehmend an Gewicht gewonnen. Dabei seien der vorschulische Bereich und die Erziehung darauf ausgerichtet, durch eine professionelle Ergänzung der elterlichen Erziehung allen Kindern einen guten Schulstart zu ermöglichen.

Der Bericht beschreibt auch den Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik, nach dem nicht mehr das Kind den Anforderungen der Schule genügen muss, sondern die Schule den Anforderungen des Kindes.

(Beifall PIRATEN und Anke Erdmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Wenn es aber nicht anders geht, dann greifen andere Regelungen, in besonderen Fällen. Wenn Kinder aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sind, am Unterricht in der Eingangsphase teilzunehmen, oder ihre Gesundheit durch die Teilnahme gefährdet würde, können diese nach § 22 Abs. 2 – Beginn der Vollzeitschulpflicht – in Verbindung mit § 15 Schulgesetz – Beurlaubung – vom Schulbesuch beurlaubt werden.

Das alles spricht gegen den Antrag der FDP. Allerdings sagt der Bericht ausdrücklich nichts über den Erfolg, den die Eingangsphase für das einzelne Kind hat. Das war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht möglich.

Darum möchte ich den Antrag der FDP gern dem Ausschuss überweisen und dort einen Bericht von der Bildungsministerin darüber erhalten, welche Qualität die Einschulungspraxis in Schleswig- Holstein auch für die Kinder hat, die gegebenenfalls noch nicht reif für den Unterricht sind. Gern würde ich auch mit Eltern und Kinderärzten sprechen, um zu sehen, wie groß die Notwendigkeit für eine Flexibilisierung des Einschulungsalters wirklich ist. Vielleicht kann Frau Klahn dem zustimmen, damit wir den gesamten Bereich gut aufarbeiten und sehen können, ob das Anliegen begründet ist.

(Beifall PIRATEN, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

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