Sven Krumbeck Blog

Rede zum Thema „Lesen durch Schreiben“

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Ich dachte immer, mich würde in der bildungspolitischen Auseinandersetzung, wie ich sie in diesem Haus kennengelernt habe, nichts mehr überraschen. Ich dachte immer, das Maß an gedanklicher Unbeweglichkeit zwischen Regierung und Opposition sei ausgereizt. Ich dachte, da gehe gar nichts mehr. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie überraschen sogar einen neuen, unverbrauchten und weltoffenen Geist wie meinen immer wieder neu.

(Heiterkeit und Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

„Reform“ – das hört sich offenbar in den Ohren der antragstellenden Abgeordneten so fremd an wie ein Gedicht auf Suaheli. Schulpolitisch heißt das, da soll etwas Neues her, da machen sich Leute Gedanken über Alternativen. Das kann und darf im Rahmen der Schulgestaltung einfach nicht falsch sein. Dabei lassen sich gedankliche Feinheiten und manchmal sogar verfasste Schlussfolgerungen aus dieser Idee nie aufhalten.

Seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beherrschten reformpädagogische Gedanken national wie international das Bildungsgeschehen. Eine neue Erziehung sollte her, eine Bildungspolitik aus einem anderen, einem kinderbezogenen Blickwinkel. Reformschulen entstanden in Deutschland. Es begann ein wachsender, internationaler Austausch. Wir verdanken dieser Ideenfreiheit Montessori- oder Waldorfschulen. Ich hoffe doch, dass niemand hier in diesem Hause die Bereicherung bestreiten will, die die Schullandschaft durch diese Schulen erfährt.

(Beifall PIRATEN, Anke Erdmann [BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN], Ines Strehlau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Lars Harms [SSW])

Erst 1933 wurden reformpädagogische Gedanken durch die Nationalsozialisten verboten, sie keimten nach 1945 wieder auf und wurden in der ehemaligen DDR erneut von Staats wegen verboten. Heute diskutieren wir über den CDU-Antrag „Keine reformpädagogischen Experimente an unseren Schulen“. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.

(Hans-Jörn Arp [CDU]: Dann hör doch auf!)

Dabei geht es mir wie den meisten hier im Saal, die Verbotsforderer mit eingeschlossen – das ist doch das Dilemma -, dass gesicherte Informationen über die Methode gar nicht vorliegen. Die umfangreiche Berichterstattung zu dem Thema, die wir in den letzten Tagen in der Presseberichterstattung verfolgen konnten, unterstreicht vor allem eines: Es gibt keine deutlichen, aussagekräftigen wissenschaftlichen Evaluationen zu dem Thema. Kritiker beschwören das Ende des Abendlandes und die totale Verdummung der Kinder. Anhänger von Jürgen Reichen, dem Urvater der Methode „Lesen durch Schreiben“, schwören darauf. Manche bemängeln, dass die Kinder in der Anfangsphase zu viele Fehler im Vergleich zu traditionell unterrichteten Schülern machen. Fast alle kommen am Ende aber überein, dass sich dieses Defizit zum Ende der Grundschulzeit relativiert hat oder gar nicht mehr feststellbar ist. Dann kommen auch noch die Praktiker, die Pädagogen, hinzu, die auch mit Mischformen arbeiten und gute Ergebnisse erzielen. Ich bin mir sicher, dass diese Ergebnisse gut sind, denn sonst würden unsere Lehrer das nicht machen.

Fakt ist aber: So ganz genau weiß das offenbar keiner. Wenn Sie mich fragen, muss ich sagen, dass ich es auch nicht weiß. Aber anstatt Dinge zu verbieten, von denen ich keine Ahnung habe, bin ich neugierig genug, mich schlaumachen zu lassen. Darum legen wir einen Änderungsantrag vor, der uns schlaumachen soll und nicht einen wie die FDP, die schlaumachen und ablehnen von vornherein zwingend gleichsetzt.

(Beifall PIRATEN, vereinzelt SPD, BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Darum bitte ich um eine fundierte Aufarbeitung der Methode und anschließende Diskussion im Ausschuss. Ich möchte die Debatte auch dazu nutzen, auf das hinzuweisen, was die Grundschulen vermutlich mehr beschwert als die Auswahl zwischen verschiedenen pädagogischen Ansätzen für die optimale Vermittlung von Kompetenzen und Wissen: Ihnen fehlt nämlich die Zeit, um sich in diesem Fall

der Rechtschreibung nachhaltiger zu widmen, als sie es müssten. Darüber müssen wir reden.

Und wir müssen darüber reden, dass Schülerinnen und Schüler zum Beispiel durch moderne Technik mehr Kompetenzen erwerben, was in Teilen zulasten der Rechtschreibung geht. Wie wir das am Ende zusammenbringen und auflösen, daran müssen wir uns messen lassen. Darum sollten wir der Sache dienen und nicht irgendwelchen ideologischen Vorbehalten. – Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

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