Sven Krumbeck Blog

Rede zum Thema „Wahlfreiheit an Gymnasien schaffen“

 

Liebe Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Frau Klahn, irgendwie beeindruckt es mich, mit wie viel Hartnäckigkeit Sie hier ausgewählte Themen verfolgen, obwohl Sie genau wissen, dass der Kampf aussichtslos ist.

(Anita Klahn [FDP]: Das sehe ich anders als Sie!)

So ist es auch mit diesem Antrag, für den ich unter dem Autonomiegedanken durchaus Sympathien habe, von dem ich strukturell aber tatsächlich nicht überzeugt bin. Ich werde das gleich erläutern.

In der gestrigen Theaterdebatte haben wir erfahren, dass man auf gar keinen Fall seine Meinung ändern darf. Da geht diese Dialog-Landesregierung jeden Holzweg. Da vergessen die, die in diesem Haus so gerne Brecht zitieren, auch gerne dessen Rat; denn wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn er schon erkennt, dass A falsch war.

(Beifall PIRATEN und Tobias Koch [CDU])

Schon deshalb ist Ihr Anliegen zum Scheitern verurteilt.

Liebe Frau Klahn, das ist eine grundsätzlich üble Erkenntnis, die uns aber nicht an konstruktiver Oppositionsarbeit hindern sollte. Dieser Landtag hat kürzlich festgelegt, dass es in Schleswig-Holstein in der Regel genau zwei Wege zum Abitur geben wird: den achtjährigen am Gymnasium und den neunjährigen an der Gemeinschaftsschule. Das kann man gut finden oder auch nicht.

(Christopher Vogt [FDP]: Es gibt auch berufliche Gymnasien!)

Die verfassten Vertretungen der Schülerinnen und Schüler und der Eltern sind damit einverstanden. Dagegen sperren wir PIRATEN uns auch nicht. Das war ein Punkt im Rahmen der Schulgesetzdebatte, den wir aus Überzeugung tatsächlich mitgetragen haben. Das haben wir immer gesagt, und dazu stehen wir auch.

Was mich an der Debatte zum Für und Wider von G 8 tatsächlich stört, ist die Ecke, in die Sie, liebe Kollegin Frau Klahn, die Abiturienten an Gemeinschaftsschulen immer wieder rücken. Solche Begriffe wie „Abi light“ sollten wir aus unserem Sprachgebrauch ein für allemal verbannen.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW – Zuruf: Pfui!)

Die Schülerinnen und Schüler werden an beiden Schulen, die wir in Schleswig-Holstein haben, zum Abitur geführt. Sie absolvieren die gleichen Prüfungen. Da gibt es keine guten und Schmuddelkinder. Ich wünsche mir wirklich, dass die FDP endlich mit dieser unsauberen Argumentation aufhört.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Das bedeutet nicht, dass für die G-8-Züge nicht etwas getan werden muss.

Vizepräsidentin Marlies Fritzen:
Herr Kollege, gestatten Sie eine Bemerkung des Herrn Abgeordneten Vogt?

Sven Krumbeck [PIRATEN]: Ja.

Christopher Vogt [FDP]: Vielen Dank, Herr Kollege. – Ich muss ganz ehrlich sagen: Das, was Sie gerade gesagt haben, ist wirklich unerhört. Dass Sie sagen, wir würden einige Schüler als Schmuddelkinder darstellen, ist unterste Schublade. Das ist wirklich unterste Schublade.

(Zuruf: Sie diffamieren die Gemeinschaftsschule!)

– Meine Damen und Herren, wir diffamieren keine Schüler. Das ist eine unglaubliche Unterstellung, Herr Kollege. Ich bitte Sie, das in Zukunft wirklich zu unterlassen; denn das ist eine unterirdische Argumentation. Es ist ei- gentlich gar keine Argumentation. Es ist Denunziation, und das sollten Sie bitte unterlassen.

(Unruhe – Zurufe)

Vizepräsidentin Marlies Fritzen:
Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Bemerkung des Herrn Abgeordneten Dr. Stegner?

Sven Krumbeck [PIRATEN]: Ja.

Dr. Ralf Stegner [SPD]: Lieber Herr Kollege Krumbeck, hat Frau Klahn nicht vorhin hier im Hause ausgeführt, es gebe gar keine Wahlfreiheit, weil es ja Leute gebe, die dann das Abitur auf der Gemeinschaftsschule ma- chen müssten, weil sie das nicht auf dem Gymnasium tun könnten? Was anderes ist das als das, was Sie gerade beschrieben haben, nämlich einmal so zu tun, als sei das eine schlechtere Schule und ein schlechteres Abitur, obwohl die gleichen Anforderungen herrschen? Das ist genau der Punkt, den Frau Klahn hier dargestellt hat.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

– Herr Vogt, ich biete Ihnen gerne an: Ich unterlasse die Verwendung des Begriffs „Schmuddelkinder”. Herr Vogt, hören Sie mir zu? – Vielen Dank.

(Christopher Vogt [FDP]: Sie antworten auf Herrn Stegner!)

Ich biete Ihnen gerne an: Wir benutzen nicht mehr den Begriff „Schmuddelkinder”, wenn Sie anerkennen, dass man an Gemeinschaftsschulen ein gleichwertiges, gutes Abitur machen kann, das dem an Gymnasien in keiner Weise nachsteht.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW – Christopher Vogt

[FDP]: Man wird das wohl noch kritisieren dürfen!)

Das bedeutet nicht, das für die G-8-Züge nicht etwas getan werden muss, beileibe nicht. Ich habe dazu im letzten Jahr eine Kleine Anfrage an die Regierung gerichtet, die einmal mehr so larifari beantwortet wurde. Da muss mehr kommen. Damit sind wir beim Thema:

Wir können – da, liebe Frau Kollegin Klahn, bin ich ganz bei Ihnen – darüber reden, wie wir G 8 freundlicher, stressfreier und besser für Lehrerinnen, Lehrer und Schüler machen; denn natürlich dürfen wir etwas für eine gute Lernumgebung und -struktur tun. Auch wenn niemand an den existierenden Gegebenheiten zerbrochen ist, müssen wir weiter vorsorgen und vordenken. Ich glaube nicht, dass wir das durch eine Rolle rückwärts, indem wir also alles zurück auf null stellen, erreichen; denn G 9 – seien wir ehrlich – ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Bei dem Streit tauschen Gegner wie Befürworter Horrorgeschichten aus, immer unterlegt mit Beispielen aus dem eigenen Umfeld. Ja, es gibt G-8- Schüler, die bis spät in den Abend hinein über ihren Vokabeln sitzen oder Mathe büffeln. Aber belastbare empirische Studien dazu gibt es nicht. Jeder kennt neben dem überforderten G-8-Schüler diejenigen, die gute Noten haben, die Fußball spielen, den Häkelklub führen und Tanzen gehen. Das ist nämlich das Problem. Dieser Streit wird weitgehend faktenfrei und radikal und dafür besonders emotional geführt. Das haben wir auch heute wieder gesehen. Dafür stehen wir PIRATEN allerdings nicht zur Verfügung.

Es wundert mich aufrichtig, liebe Kollegin Klahn, dass ausgerechnet Sie, die Sie sonst immer gerne und stetig auf wissenschaftliche Ergebnisse verweisen – wie zum Beispiel bei den pädagogischen Methoden, bei der PISA-Studie -, hier immer wieder zu Stammtischparolen greifen. Ja, es ist populär, zurück zu G 9 zu wollen. Das sehen wir aktuell am Beispiel Niedersachsen. Ja, damit lässt sich Stimmung machen. Aber unsere betroffenen Schüler wollen das gar nicht.

(Anita Klahn [FDP]: Wie sieht das bundesweit aus? Haben Sie sich damit beschäftigt?)

Die Eltern wollen das auch nicht. Wissenschaftlich untermauert ist dies schon gar nicht. Das ist weder fundiert noch sachlich, und dem Trend entspricht dies auch nur ungefähr.

(Anita Klahn [FDP]: Hat Ihnen das Frau Fritzen aufgeschrieben?)

Sind wir ehrlich: Der Initiative G 9 ist in Schleswig-Holstein gerade die Luft ausgegangen; und das nicht ohne Grund.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir wirklich etwas für die Lehre und für die Lernzeit tun wollen, dann müssen wir raus aus den eingefahre- nen Denkstrukturen und rein in eine neue Dimension. Liebe Frau Ministerin, diese wäre auch etwas für einen ausgedehnten Bildungsdialog gewesen, den wir PIRATEN beantragt hatten. Darum lade ich Sie heute alle ein, über richtig neue Schulzeitmodelle nachzudenken. Ich weiß, manch einer mag stöhnen und sagen: Nicht schon wieder etwas Neues. Darum denke ich, dass man sich für eine solche Diskussion Zeit nehmen und Sachlichkeit einziehen lassen sollte.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt PIRATEN)

Lassen Sie uns zum Beispiel über Kenntnisse aus der Hirnforschung nachdenken und darüber, wann für Heranwachsende die beste Tageszeit ist, um besonders gut zu lernen. Lassen Sie uns darüber reden, wie Leistungsschwerpunkte gezielt gesetzt werden können. Lassen Sie uns die Fragen beantworten, wie viele Wochenstunden die Obergrenze markieren müssten und wie die Sekundarstufe II flexibilisiert werden könnte.

(Beifall PIRATEN)

Kann man vertieftes Lernen durch Konzentration erreichen? Wie flexibel können wir eine Oberstufe gestalten? Was machen wir mit der Qualifikationsphase? Wie kriegen wir all das analog zu unserer Stellenproblematik hin? Wie kommen wir weg von dem etablierten unsäglichen Bulimielernen und hin zu echten und belastbaren Bildungsgerüsten, die ein Leben lang halten und erweitert werden können?

(Beifall PIRATEN)

Das sind für mich die echten Ansätze für eine sinnvolle Diskussion, es ist nicht die immer wiederkeh- rende Rückschau. Manchmal ist ein Zug einfach abgefahren. Man kann darauf warten, dass der nächste Zug kommt, oder man kann sich selbst auf ein Rad setzen und losstrampeln. Das ist auch etwas für die Grünen. Ich bin ehrlich, ich bin eher für das Strampeln. Ich finde, es ist Zeit und würde uns allen gut stehen, aus eigener Kraft neue Ideen zu entwickeln. Dabei dürfen wir auch in andere Länder schauen, die schon etwas für ihre G-8-Gymnasien getan haben. Wir dürfen aber auch selbst etwas entwickeln, und das können wir dann zusammen mit der Opposition und der Regierung betreiben, denn für Gymnasien wollen wir trotz Sonntagsreden alle etwas tun. – Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

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