Sven Krumbeck Blog

Vorlesung an der CAU zum Thema „Inklusion“

Gestern war ich bei einer Vorlesung in der Christian-Albrechts-Universität Kiel zum Thema „Inklusion“. Die Stiftung Drachensee (Arbeiten und Wohnen für Menschen mit Behinderung) bildet im Rahmen ihres Projekts „Inklusive Bildung“ junge Menschen zu Bildungsreferenten aus. Sechs dieser Referenten haben gestern die Vorlesung gehalten.
Themenschwerpunkte waren die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und deren Umsetzung, die Inklusions- und Exklusionserfahrungen von Betroffenen, die Hattie-Studie zur Haltung und Persönlichkeit von Lehrkräften und die Wünsche der Betroffenen an die Schule als System und den Lehrkörper als solches.

Sowohl im Grundgesetz als auch in der Schleswig-Holsteinischen Landesverfassung ist das Recht auf eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft für Menschen mit Behinderung verankert. Die UN-Behindertenrechtskonvention (Dezember 2006), unterzeichnet von Deutschland und 158 weiteren Ländern enthält drei Kernpunkte:

  • Barrieren abschaffen
  • gleiches Recht für alle
  • selbstbestimmtes Leben ermöglichen

Ein wichtiges Gut, dass den Weg zur Eigenständigkeit ermöglichen soll ist Bildung. Der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention sieht vor, dass das Recht auf Bildung für alle Menschen gilt, dass Menschen mit Behinderung Chancengleichheit ermöglicht und ihnen Unterstützung durch das Bildungssystem gewährleistet werden soll. Die Vertragsstaaten haben dementsprechend geeignete Maßnahmen zur Umsetzung der UN-BRK zu treffen. Die Kultusministerkonferenz hat auf dieser Basis 2010 in einem Beschluss Handlungsempfehlungen an die Länder herausgegeben. Es sei zu beachten, so einer der Referenten, dass erfolgreiche Bildung nicht mit dem Erlangen eines Schulabschlusses gleichzusetzen sei. Wichtiger sei der individuelle Lernerfolg, die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, der Erwerb sozialer Kompetenzen und Selbstständigkeit. Inklusive Bildung bedeute vor allem, dass Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Dafür sei es zwingend notwendig, dass die allgemeine Pädagogik mit der Sonderpädagogik zusammenarbeitet und dass Heterogenität bereits in der Lehrerausbildung thematisiert wird.

Die Referenten schilderten einige negative Erfahrungen aus ihrer Schulzeit, die deutlich zeigen, dass im Bereich Inklusion noch einiges an Arbeit auf uns wartet. So sei ihr Verhalten zum Teil missinterpretiert worden, es habe viele Vorurteile gegeben, sie seien ausgegrenzt und schnell zu „Sonderlingen“ geworden. Darüber hinaus würden die meisten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler nur die Behinderung sehen, aber selten den Menschen und die Persönlichkeit dahinter. Das habe schnell dazu geführt, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden worden sei und sie oft unterschätzt worden sind. Auch Barrierefreiheit sei ein großes Problem.
Allerdings konnten die Redner auch viele positive Erfahrungen schildern: eine gute Klassengemeinschaft, Rücksichtnahme auf ihre individuellen Bedürfnisse und ein verständnisvolles Miteinander. Sie seien ernst genommen worden und statt nur auf Defizite reduziert worden zu sein, hätten sie Lob und Anerkennung für ihre Leistungen erfahren. Die Lehrkräfte seien bemüht darin gewesen, sie zu unterstützen und inklusive Projekte zu fördern. Inklusion durch Normalität und Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander sei enorm wichtig.

John Hattie hat in einer Studie festgestellt, dass der Unterricht, die Lehrperson und die Curricula den größten Einfluss auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern haben. Der Unterricht sollte Transparent sein, zum gemeinsamen Lernen anregen und die Lernenden sollten dem Lehrenden Feedback geben können. Die Lehrperson sollte sowohl Fachkompetenz als auch pädagogische sowie didaktische Kompetenz besitzen, mit Leidenschaft arbeiten und eine Basis des Vertrauens schaffen, um auf die Lernenden eingehen zu können. Darüber hinaus sei die eigene Haltung der Lehrerinnen und Lehrer entscheidend.

Die Betroffenen wünschen sich von den Lehrpersonen mehr Offenheit, Verständnis, Wertschätzung und Toleranz, aber auch Geduld für ihre Bedürfnisse. Die Lehrkräfte sollen sie mit Offenheit und Optimismus fördern und fordern, mutig und experimentierfreudig sein, auf barrierefreie Aktivitäten achten, vorurteilsfrei ihnen gegenüber auftreten und Inklusionshilfe zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung leisten.

Darüber hinaus wünschten sich die Referenten, dass Menschen mit Behinderung auch Regelschulen besuchen können. Dafür ist es notwendig, die Gebäude barrierefrei zu gestalten, genügend Personal und dementsprechend geschulte Lehrkräfte bereitzustellen. Sie wünschen sich, als Personen wahrgenommen und nicht nur auf ihre Behinderung reduziert zu werden, gleichberechtigt teilzuhaben und die Möglichkeit, die eigenen Potenziale entfalten zu können.

 

Nützliche Links:

Website der Stiftung Drachensee

Informationen zu UN-Behindertenrechtskonvention

Umsetzung der UN-BRK (KMK, 2010)

Inklusive Bildung (KMK, 2011)

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