Sven Krumbeck Blog

Rede zum Thema: „Differenzierten ersten allgemeinbildenden Schulabschluss ermöglichen“

112. Sitzung
Donnerstag, 18. Februar 2016

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Der CDU-Antrag hat den Charme, niemanden auf der Strecke zu lassen, allen eine Chance einzuräumen und jeden zum individuellen Erfolg zu führen. Das sind gute Ziele, und niemand wird sich dagegen aussprechen können und wollen. Ob Krankheit, persönliches Tief oder mangelnde Unterstützung: Für einen fehlenden Schulabschluss gibt es immer Gründe. Das bedeutet nicht, dass dieser Zug für immer abgefahren ist. Jeder hat die Chance, wann immer er möchte und sich dazu in der Lage fühlt, jeden Schulabschluss nachzuholen.

Die CDU fordert nun einen differenzierten Schulabschluss in Anlehnung an die allgemeinbildenden Schulabschlüsse vor allem für diejenigen, die die Standards der KMK nicht erreichen können und – aus welchen Gründen auch immer – ganz ohne Abschluss bleiben. Ich ahne eine Art „Kategorie-B- Schulabschluss“ und bin sicher, dass die CDU das so nicht meint. Aber läuft es nicht genau darauf hinaus, dass wir einen Abschluss anstreben, der zwar systematisch eingeordnet wird und in der Struktur an den allgemeinbildenden Schulabschluss angelehnt wird, aber doch immer ausdrückt: Das ist zweite Klasse? Kann es sein, dass wir uns damit auf den falschen Weg machen? Verlassen wir damit nicht die Linie der individuellen Lernbiografien? Sagen wir damit nicht: Standards schaffst du nicht, nimm lieber die Light-Variante?

Ich bin an dieser Stelle wirklich verunsichert. Eigentlich wollten wir genau so etwas nicht mehr machen: die Absolventen in verschiedene Kategorien des Erfolgs verklappen, und wenn für diejenigen unterhalb des Standards zurzeit nichts da ist, einfach eine neue Kategorie schaffen. Sollte der Weg nicht ein anderer sein? Sollten wir nicht Mühe und Mittel in die Anstrengung investieren, unser System gut und durchlässig zu gestalten? Sollten wir nicht eher dafür sorgen, das System Schule, berufliche Bildung und Weiterbildung so gut zu machen, dass jeder jeden Abschluss nachholen kann, wann immer er kann und will?

(Beifall PIRATEN, Martin Habersaat [SPD] und Jette Waldinger-Thiering [SSW])

Müssen wir uns nicht auf die Leistungsfähigkeit des Systems konzentrieren, damit alle, die es nicht leicht haben, nicht verloren gehen? Wir haben so viele Fördermöglichkeiten, dass es mir schwerfällt zu glauben, ein Mehr an Abschlüssen mache den Einzelnen fitter für das Leben, die Arbeit oder die Weiterbildung.

Solche Fragen müssen wir uns stellen, wenn wir feststellen, dass Betriebe immer mehr und häufiger darüber klagen, dass die Bewerber nicht die nötige Ausbildungsreife haben, und es uns weder gelingt, die Zahl derer, die ohne Abschluss die Schule verlassen, spürbar zu verringern, noch dafür zu sorgen, dass das System Schule es wirklich schafft, alle mitzunehmen.

Vielleicht ist der CDU-Antrag ein guter Anlass, einmal eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen. Reicht es, zu unterstellen, dass Schule nicht gut funktioniert, weil die Personalkapazitäten zu knapp bemessen sind? Oder müssen wir uns die Frage stellen, ob wir Schule überfordern, weil wir sie zwar gern zum Lern- und Lebensort stempeln, aber nicht dafür sorgen, dass sie sich auch zu diesem entwickeln kann? Müssen wir in diesem Zusammenhang eingehender als bisher über Ganztagsschulen in verbindlicher Form sprechen? Oder reicht es, den Aufgabenkatalog für Schule zu entrümpeln? Müssen wir die Schule auf Kernkompetenzen reduzieren? Wenn wir das ausdrücklich nicht wollen, müssen wir deutlich sagen, welche Art von Schule wir wollen, was das kostet und was wir zu zahlen bereit sind.

Ein differenzierter Abschluss unterhalb der Mindeststandards wäre das finale Armutseingeständnis der Politik. Wer sagt mir, dass wir damit den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem untersten aller Abschlüsse nicht noch verstärken? Wo sind denn alle Erkenntnisse aus PISA geblie- ben?

Auch wenn man den PIRATEN in diesen Tagen gerne Fatalismus in den Mund legt: Ich halte den CDU-Antrag für bestimmt gut gemeint, aber für falsch gedacht. Wir brauchen nicht mehr Abschlüsse, sondern echte Chancengerechtigkeit durch Schule. Lassen Sie uns alle zusammen unseren Anspruch darauf nicht vergessen. Ich hoffe daher auf eingehende und gute Beratungen im Bildungsausschuss. – Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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