Sven Krumbeck Blog

Rede zu TOP 25: Informatische Allgemeinbildung gewährleisten – Pflichtfach Informatik an allen Schulen der Sekundarstufe I einführen

43. Sitzung des Landtags – Donnerstag, 9. Juni 2016

Sehr geehrter Herr Präsident,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Code is law“, also frei übersetzt „Programmcode ist Gesetz“, titelte der amerikanische Jurist und Verfassungsrechtler Larence Lessig bereits 1999. Dieser Satz gilt heute umso mehr, denn wir sind uns alle einig, dass die Digitalisierung unseres Alltags, ja unseres ganzen Lebens, seit dem Ende der 90er Jahre rasant vorangeschritten ist und diese Veränderung sich auch in Zukunft eher beschleunigen als verlangsamen wird.

Was folgt nun aus dem Satz „Programmcode ist Gesetz“? Was bedeutet er?
Für uns Piraten steht er sinnbildlich für eine Gesellschaft, in der das Alltagsleben zunehmend von informatorischen Aspekten geprägt ist. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Wenn Sie „früher“ bei Ihrer Bank einen Kredit aufnehmen wollten, dann war relativ klar, wie der Bankangestellte ihre Kreditwürdigkeit ermittelt: Es ging zum Beispiel um Ihr Einkommen oder Ihre Arbeitsplatzsicherheit, vermutlich waren aber auch Ihr Ruf im Ort oder ein seriöses Auftreten nicht unwichtig.

Heute funktioniert das anders:
Nicht nur werden Informationen von Wirtschaftsauskunfteien eingeholt, nein, die Entscheidung, ob Sie einen Kredit bekommen wird heute schon von mathematischen Algorithmen getroffen. Diese Algorithmen lassen in ihre Entscheidung eine Reihe externer Faktoren einfließen: Sie wohnen in einer vermeintlich schlechten Gegend? Pech gehabt!
Sie heißen Chayenne-Samina Krüger? Oh, Ihre Namensschwestern gelten statistisch als nicht besonders solvent.
Und was sagt eigentlich Ihr Facebook-Account über ihre Zahlungsmoral aus?

Ich könnte nun noch unzählige weitere Beispiele nennen, aber ich denke es wird deutlich, warum wir informatorische Bildung brauchen:
Sie ermöglicht unseren Schülern, einen Blick hinter die Dinge zu werfen, Sachverhalte nicht nur zu hinterfragen, sondern auch Fragen auf die Antworten zu geben. Wir statten sie mit dem nötigen Rüstzeug aus, um die Welt zu verstehen und nicht bloß im Strom mitzuschwimmen. Und wenn Ihnen das jetzt bekannt vorkommt, dann ist das nicht verwunderlich.
Denn im Kern soll informatorische Bildung das leisten, was Schule schon immer geleistet hat: Die Schülern auf das Leben „da draußen“ vorzubereiten – nur das „da draußen“ heute eben auch die digitale Welt ist.
An dieser Stelle sollte jetzt auch dem letzten Zweifler klar werden: Informatikunterricht ist kein „betreutes Programmieren“, kein „Wie erstelle ich eine PowerPoint-Präsentation“ und kein „Wie funktioniert ein Monitor?“.

Der Informatikuntericht bedeutet eben viel mehr:
Er lehrt ein unverzichtbares, informatorisches Grundverständnis unser digitalen Welt. Nur wer diese versteht, findet sich in Zukunft auch in der analogen Welt zurecht.
Und deswegen halten wir Piraten auch optionale Angebote, wie Wahlpflichtfächer oder Arbeitsgemeinschaften für nicht ausreichend. Wir betrachten den Umgang mit und das Verständnis von Informationstechnologie als Kulturtechnik!
Wer von uns würde schon die Lehre einer Kulturtechnik, nehmen wir als Beispiel das Lesen, nur auf freiwillger Basis anbieten? Niemand.
Stichwort Kontingentstundentafel: Wer von uns wäre damit einverstanden, dass der Mathematikunterricht zugunsten anderer Fächer ausfällt, weil nicht mehr genug Stunden vorhanden sind? Niemand.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Uns ist völlig klar, dass Sie unserem Antrag hier nicht einfach so zustimmen werden.
Aber ich weiß auch, dass viele von Ihnen den Bedarf nach einem Pflichtfach Informatik ebenfalls sehen. Zum Beispiel hat die SPD noch letzte Woche eine Veranstaltung hier im Landeshaus abgehalten in der es um „Schulen auf dem Weg zum Digitalen Lernen“ ging. Ich denke es wird Zeit, dass wir den Weg weiter gehen, vor allem, weil wir das Ziel nicht von jetzt auf gleich umsetzen können. Wir müssen die Lehrer ausbilden und Kapazitäten schaffen.
Lassen Sie unsere Schüler nicht mehr nur mit Informationstechnologie lernen, lassen Sie unsere Schüler die Informationstechnologie an sich begreifen und verstehen.
Wir wären dann – neben Sachsen und Bayern, beides Länder die in den Naturwissenschaften ganz oben mitspielen – eins der ersten Bundesländer, das Informatik als Pflichtfach einführt.
Beschreiten wir diesen Weg gemeinsam, ich bin mir sicher, dass wir hier eine fraktionenübergreifende Einigung erzielen können.

Vielen Dank!

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