Sven Krumbeck Blog

Macht digitale Bildung doof? – Ein Résumé zu meinem Vortrag beim Fraktionsjubiläum

Am Dienstag Abend haben wir gemeinsam mit ca. 100 Gästen unser vierjähriges Bestehen als Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag gefeiert.

‪#‎PIRATENwirken‬! Manchmal laut – manchmal leise. In großen gesellschaftlichen Prozessen und in kleinen Einzelinitiativen. Wir haben in vier Jahren solider Arbeit bewiesen, dass wir unser Konzept „Politik zum Anfassen“ ernst meinen und nicht nur als Versprechen vor uns her tragen. Wir haben uns um Themen gekümmert, die von Bürgern angeregt wurden und bei anderen Fraktionen regelmäßig unter den Tisch fallen. Wir haben für mehr Transparenz bei der Arbeit des ganzen Landtags gesorgt. Nicht zuletzt haben wir dem digitalen Zeitalter in Schleswig-Holstein den Weg bereitet und sichergestellt, dass dabei Themen wie Schutz der persönlichen Daten und der Privatsphäre nicht unter die Räder kommen.

Hauptbestandteil der Veranstaltung waren, neben der Vorstellung des ‚Logbuchs‘, die Vorträge der einzelnen Abgeordneten zu ihren jeweiligen Themenbereichen. Mein Vortrag hat sich rund um die digitale Bildung in Schleswig-Holstein gedreht, was wir in dem Bereich schon erreicht haben und was wir im kommenden Jahr noch auf den Weg bringen wollen. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik meinerseits bin ich mit den Workshop-Teilnehmern in die Diskussion gegangen.

IMG_3798So manches der „etablierten Bildungspolitik“ wirkte komisch auf mich, als ich in den Schleswig-Holsteinischen Landtag einzog. Die, die schon einen Platz im Landtag hatten, fanden uns Piraten auch komisch:
Die Piraten – das sind die, die außer Digitalem nichts können. Die verziehen sich hinter ihren PC, sind zu blöde ein Buch von vorne bis hinten zu lesen und verstecken sich hinter Computer-Spielen. Ich kenne die Schublade, in die ich gepackt wurde sehr genau.
Um so mehr freut es mich, dass dieser Landtag – wie übrigens alle Landtage der Republik – , die Bundesregierung und die Bildungseinrichtungen, die Arbeitswelt und alle, die an der Gestaltung unserer Gesellschaft inzwischen geradezu einen Wettlauf um die besten digitalen Ideen aufgenommen haben. Die Nerds von gestern leiten heute milliardenschwere Unternehmen. Digitale Bildung, alle ihre Chancen und Risiken, ihre Bedingungen und Wirkungsweisen sind in aller Munde. Diese Landesregierung hat es zum Schwerpunkt erklärt und will auf diesem großen, ja unbegrenzten Feld wirken.

Als der erste ‚Tag des digitalen Lernens‘ hier von den uns Piraten über den Bildungsausschuss des Landtags initiiert wurde, kamen rund 100 Menschen zusammen und sprachen erstmals sehr zielgerichtet über das Thema. Der von mir sehr geschätzte Experte und Hauptreferent des Abends, Jöran Muss-Merholz stellte harmlose Fragen: Wer hat ein Handy? Wer benutzt Twitter? Wer bedient einen eigenen Facebook-Account? – Das Resultat dieser kleinen Befragung war beeindruckend, denn so ziemlich alle im Saal wurden sich bewusst, dass sie mitten drin waren im ‚digitalen Wandel‘, dass sie Protagonisten eines Schauspiels waren, das man Entwicklung in einer Gesellschaft nennt. Dass sie diese Entwicklung tragen und es nicht mehr die Frage ist, ob wir diese Entwicklung wollen oder nicht, sondern dass es nur noch darum geht, wie wir sie gestalten – oder wie Jöran es einmal so schön formulierte: „Die modernen Medien sind da und sie gehen auch nicht wieder weg„.

Wenn uns Piraten etwas ein Alleinstellungsmerkmal in diesem Landtag verleiht, dann, dass wir nicht daran glauben, dass ‚Digitales Lernen‘ etwas ist, was zusätzlich in die Schulen kommt. Das wird uns ja immer vorgehalten.
In den Debatten heißt es dann „Typisch Piraten, die fordern etwas, was sie nicht bezahlen“ – „Ja, die Piraten – aber was sie im Gegenzug streichen wollen, sagen sie nicht!“.
Nee, das sagen wir auch nicht, weil es nicht um einen Austausch von Inhalten geht, sondern um die Umstellung auf die Lehr- und Lernmethoden und die Inhalte und den Fächerkanon. Weil es nicht darum geht, ‚Digitales‘ auch in die Schulen zu bringen, sondern weil Digitales ein Grundprinzip ist, das Schule strukturell dramatisch gut verändern wird. Es geht hier nicht um ein bisschen ‚was Neues‘, es geht um eine echte Bildungsrevolution im besten Sinne.

Das Smartphone ist nicht nur ein Instrument. Es ist der Zugang zu unendlichem Wissen, zu Informationen, es ist die perfekteIMG_3795 Plattform für Kommunikation und Treffpunkt für Lehr-und Lerngruppen. Und es ist eine sehr individuelle Sphäre, denn jeder kann sich oder seine Gruppe organisieren und perfektionieren.

Und obwohl wir das alles wissen, haben viele große Angst, dieses kleine, leichte, unglaublich potente Universalgerät in die Schulen zu lassen. Was haben wir nicht kämpfen müssen gegen das Handy-Verbot in Schulen. Dass die Schüler verblöden, weil sie alles „googlen“ wurde uns vorgehalten,dass auf einmal jeder anfängt zu schummeln, wurde geunkt und dass Sodom und Gomorrha Einzug halten werden in unsere gut organisierten Lehranstalten. Der Untergang stand offenbar bevor, aber die gute Nachricht ist: Das Abendland ist nicht untergegangen!

Der Medientheoretiker Torsten Meyer nennt das Smartphone „a hole in the wall – ein Loch in den Mauern der Schule“. Das kann Angst machen, sollte es aber nicht. Wir müssen zwar nicht nur die Hierarchien in Frage stellen, sondern auch die bekannten Bildungsziele. Sind diese noch zeitgemäß? Aber das sind Fragen, die wir selbst beantworten können. Das sollte uns stärken.
Der physische Lernort Schule verliert in einer Digitalen Gesellschaft an Bedeutung. Die digitale Schule erobert sich ihren Platz. Was aber bedeutet das für die Bildungsziele im Umfeld von Google, Youtube, Wikipedia oder anderen, selbst gewählten oder gestalteten Communities?

Eine andere Frage beschäftigt sich mit den ‚Bestimmern‘. Gab es im Klassenraum zehn PC-Arbeitsplätze hatte der Lehrer die Kontrolle über das, was wer wo zu welcher Zeit machte. Das ist vorbei. Die Hohheit über Inhalte, Methoden, sogar über Raum und Zeit sind hinfällig. Das kann einem Alpträume machen. Oder es kann einen anspornen, die richtigen Antworten zu finden.

Das jüngste Projekt, das wir im Bereich der Digitalen Bildung angegangen sind, war die Forderung nach der Einführung von Informatik als Pflichtfach. Das war auch Hauptbestandteil unserer abschließenden Diskussion.
Wir müssen uns mit dem Thema genau jetzt auseinandersetzen. Die digitale Welt entwickelt sich in einem rasanten Tempo und wenn wir noch länger warten, können wir sie irgendwann nicht mehr einholen. Mir ist durchaus bewusst, dass die Einführung eines neuen Pflichtfaches ihre Zeit braucht – gerade im Falle Informatik, da die Lehrkräfte Mangelware sind. Wenn wir den Antrag heute beschließen würden, würde morgen nicht jeder Schüler plötzlich Informatik im Stundenplan stehen haben. Aber ein Konzept zu erarbeiten, wie das vielleicht in zehn Jahren möglich wäre, damit können wir heute schon anfangen!
Ist es ein Pflichtfach, kann es als Mangelfach eingestuft werden. Wenn es als Mangelfach eingestuft wird, kann man Anreize schaffen, die die Lehrkräfteausbildung für Informatik attraktiver macht. Hat man dann genug Lehrkräfte, haut das auch mit dem Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler hin.IMG_3789

Die Diskussion mit meinem Publikum war auch für mich sehr spannend und aufschlussreich. Es waren Schüler, Professoren, Vertreter vom Verbraucherschutz und auch einfach nur interessierte Menschen aus anderen Bereichen anwesend.
Es kamen die ‚üblichen‘ Fragen auf: Was soll für Informatik aus dem Lehrplan geschmissen werden?“, „Brauchen wir dafür wirklich ein eigenständiges Fach?“, „Was genau soll der Unterricht vermitteln?“.
Wirklich einigen und DIE Musterlösung schlecht hin finden, konnten wir in meinem Workshop leider nicht. Wir sind uns allerdings darüber einig geworden, dass wir jetzt anfangen müssen, um in einigen Jahren etwas verändern zu können. Wir haben festgestellt, dass das Thema zwingend angegangen werden muss, da – so die Professoren und die Vertreter vom Verbraucherschutz – die Schülerinnen und Schüler, die jetzt die Schule verlassen, zwar super Spiele am PC oder am Smartphone spielen können, aber sehr schlecht ausgebildet sind, wenn es um Anwendungen geht, die in der Arbeitswelt benötigt werden. Außerdem haben wir lange darüber gesprochen, dass die Lehrpläne entrümpelt werden müssen – weg vom reinen ‚Bulimie-Lernen‘ hin zum kompetenzorientierten Lernen. So könnte auch Raum für den Informatik-Unterricht geschaffen werden.
Die Diskussion hat zumindest mir eins deutlich gezeigt: Es ist nicht nur ein Thema bei den PIRATEN, sondern auch bei Arbeitgebern, Professoren und und und… Wir brauchen Digitale Bildung und wir müssen sie in die Schulen bringen!

Es war eine sehr spannende Veranstaltung mit vielen tollen und interessanten Gesprächen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht den Gästen unsere Arbeit ein Stück näher bringen zu können und habe auch selber einiges an Anregungen und Gedanken mitnehmen können.

RTL Nord hat übrigens einen kleinen Beitrag über unser Fraktionsjubiläum gedreht, den Ihr Euch hier angucken könnt:
RTL: Piraten feiern Jubiläum

About 

1 Comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *