Sven Krumbeck Blog

Rede zur Regierungserklärung „Schleswig-Holstein im IQB-Ländervergleich an der Spitze“

47. Sitzung des Landtags – Donnerstag, 17. November 2016

Sehr geehrter Herr Präsident,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zunächst einmal möchte ich unseren
schleswig-holsteinischen Schülern gratulieren:
Das war eine klasse Leistung!
Wenn diese Ergebnisse künftig auch in den naturwissenschaftlichen Fächern erzielt werden können,
dann ist Schleswig-Holstein auf einem echt guten Weg.

Doch, auch wenn das Bildungsministerium sich für diese Entwicklung auf die Schultern klopft:
Das aktuelle Bildungssystem in Schleswig-Holstein ist nach wie vor ausbaufähig.
Und da hilft es auch nicht, die IQB-Studie in aller Einzelheit vorzustellen.

Ich spreche hier vor allem das Thema Lehrermangel an. Wir haben einfach nicht genügend Lehrer.
Und es gibt immer noch ein strukturelles Defizit bei der Unterrichtsversorgung. Auffällig ist zwar, dass im Schuljahr 2015/2016 die Zahl der schulpflichtigen Flüchtlinge zugenommen hat – und entsprechend abgefangen werden konnte. Die Unterrichtsversorgung hat sich dadurch auch nicht geändert.

Das ist einerseits eine erfreuliche Nachricht:
Das System ist nicht eingebrochen, es wurden erste DaZ-Stellen und DaZ-Schulen geschaffen,
die Unterrichtsversorgung funktioniert wie eh und je. Allerdings, auf Deutsch gesagt: mehr schlecht als recht.
Dass diese nun bei Weitem noch nicht dem Ziel von 100 Prozent entspricht, sollte jedem von uns klar sein.
Die letzten Prozent auf dem Weg zu einem gesunden Schulsystem scheinen eine größere Hürde darzustellen als man wohl vermuten könnte.

Etwa jede 10. Unterrichtsstunde fällt immer noch ersatzlos aus, weil kein Lehrerersatz gefunden werden kann.
Und vor allem in den Mangelfächern wie in der Mathematik fehlen Lehrkräfte.

Die Lehrerausbildung muss deswegen nachhaltig gestärkt werden.
Es muss bereits für Studieninteressierte klar und deutlich aufgezeigt werden, welche Schulfächer unterversorgt sind und wo Lehrkräfte benötigt werden. Gleichzeitig muss der Lehrerberuf attraktiver gestaltet werden.

Denn nach wie vor wandern viel zu viele gut ausgebildete Lehramtsabsolventen in andere Bundesländer ab.

Gleiches gilt für den Bereich der Sonderpädagogik.
Es hilft nichts, Zertifikatskurse anzubieten, um dann Lehrbeauftrage zu haben, die zwar sozial engagiert und motiviert sind, die aber keine sonderpädagogische Ausbildung haben.
Das haben Sie ja auch selbst in Ihrer Rede angesprochen, Frau Ernst: Schüler erreichen bessere Leistungen, wenn Lehrkräfte die Fächer unterrichten, die sie auch studiert haben.
So ist es auch in der Sonderpädagogik.
Hier muss auf jeden Fall das Studienangebot an der Uni Flensburg massiv ausgebaut werden –
die Plätze, die Sie jetzt schaffen, sind noch viel zu wenig.

Die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem hin zum integrativen unterstützen wir sehr.
Wir PIRATEN sind gegen Binnendifferenzierung und für länger gemeinsam lernen.
Schleswig-Holstein weist dahingehend eine gute Entwicklung auf, die weiter ausgebaut werden sollte. Mit entsprechend qualifizierten Lehrkräften.

Der in Ihrer Rede angebrachte Punkt, dass das Elternhaus ausschlaggebend für die Leistungen der Schüler sei, kann mit einer vollständigen Lernmittelfreiheit entgegengewirkt werden. Ich freue mich, dass dieses Thema am Runden Tisch besprochen wird.
Ich hoffe auf konstruktive Gespräche und eine schnelle, aber durchdachte Lösung.

Bedauerlich finde ich,
dass Sie, Frau Ernst, in keinem Punkt Ihrer Rede auf die Digitalisierung an Schulen eingehen. Es mag daran liegen, dass Sie nur die Studie wiedergeben.
Sie wissen, wir PIRATEN setzen uns seit je her für die Digitalisierung an Schulen ein.
Ich muss auch nicht wiederholen, dass wir uns freuen, dass Sie, Frau Ernst, schon längst auf diesen Zug aufgesprungen sind.
Ich glaube aber, dass wir noch nicht genug tun in diesem Bereich.

Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Arbeit mit digitalen Medien einen offeneren Unterricht ermöglichen würden und somit ganz neue Förderaspekte bei leistungsschwachen Schülern entstehen könnten.

Dass wir im Bildungsausschuss jetzt ein Fachgespräch über OER führen werden, stimmt mich optimistisch.
Auch die prinzipielle Bejahung im Landtag ist ein Indiz dafür, dass Digitalisierung ein wichtiges Thema ist.

Gestern habe ich auf golem.de einen Artikel zum gerade stattfindenden
IT-Gipfel im Saarland gelesen.
Der Titel des Artikels lautete „Andere diskutieren, im Saarland wird Schule gemacht“.

Konkret ging es um die Umsetzung einer
Schul-Cloud, die auf der Eigeninitiative motivierter Lehrer in Zusammenarbeit mit Microsoft und weiteren Partnern beruht.
Die Lehrerplattform heißt „Lernwelt Saar“.
Es gibt sie seit fünf Jahren. 80.000 Lernmaterialien umfasst die digitale Bibliothek bereits.
30 Einrichtungen beteiligen sich an diesem Netzwerk.

Darunter sind nicht nur Schulen sondern etwa auch die Universität Trier.
Lehrer, die über Autorenrechte verfügen, können Inhalte hochladen, die Inhalte werden gegengelesen, dann erfolgt eine Vertaggung in der Online-Bibliothek.
Das Problem, das die Initiatoren haben, ist finanzieller Art.
Die Schulen benötigen eine entsprechende technische Ausstattung, die Schulen benötigen Hosting-Partner und die Schulen benötigen Lehrkräfte, die mit der Ausstattung und der Plattform umgehen können.

Den Inhalt dieses Artikels gebe ich Ihnen nicht deshalb so detailliert wieder, weil diese Initiative etwas Neues wäre. Natürlich gibt es in Schleswig-Holstein zahlreiche Bemühungen in ähnlicher Form.

Nicht zuletzt kann man das an den Modellschulen sehen, die mit ihren Projekten zeigen, wie kreativ und innovativ Schulen in diesem Land mit der Digitalisierung umgehen können.
Wenn man ihnen die benötigten Mittel zur Verfügung stellt und Voraussetzungen schafft. Darin sehe ich die Aufgabe der Landesregierung.

Es ist die Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu erkennen und so mutig zu sein, diese neuen Wege zu beschreiten. Solche Initiativen brauchen Unterstützung,
denn sie weisen in die Zukunft.
Und das Land kann dazu beitragen.
Das Land ist es nämlich, das Programme initiieren, Partner vermitteln und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte ausbauen kann. Das Land ist auch dafür da, seinen Bürgern die Angst vor dem Neuen zu nehmen. Ihnen Empfehlungen mit auf den Weg zu geben und eine Politik zu machen,
die nach vorne gerichtet ist.

Gerade in Zeiten von Brexit, Trump und AfD sollten wir im Bildungsbereich alles dafür geben, gesunden Menschenverstand zu vermitteln. Und wenn wir mit digitalen Medien die Schüler am besten erreichen können, sie damit auch in dieser Hinsicht auf die Zukunft vorbereiten können, dann sollten wir das auch angehen.

Ich habe Ihnen das Projekt aus dem Saarland kurz vorgestellt, weil mich das Engagement begeistert und der Titel mich angesprochen hat. Nicht reden, machen – das sagt der Titel im Grunde. Und das sollte auch das Motto der Bildungspolitik sein.

Bezeichnend ist der aktuelle Stand der digitalen Bildung an weiterführenden Schulen in Deutschland: Laut der jüngst veröffentlichten Sonderstudie „Schule Digital“ der Initiative D21 wissen Schüler oftmals gar nicht, dass technische Geräte für den Unterricht zur Verfügung stehen.
Die Lehrer benutzen sie schlichtweg nicht.
So gibt es laut dieser Studie an 18 Prozent der befragten Schulen Tablets für den Unterricht,
aber nur 10 Prozent der Schüler dieser Schulen geben an, darauf zugreifen zu können.

Das liegt vor allem daran, dass viele Lehrkräfte gar nicht wissen, wie sie mit den Endgeräten umgehen sollen beziehungsweise wie sie Tablet, PC oder interaktive Whiteboards in den Unterricht mit einbringen können.
Oder, was fataler ist:
Die Computer sind so veraltet, dass Lehrer lieber wieder zu Zettel und Stift greifen.

Neben der zeitgemäßen Ausstattung der Schulen sind hier also Weiterbildungsmaßnahmen gefragt.
Die Lehrkräfte müssen konsequent verpflichtet werden, sich weiterzubilden.
Dass Weiterbildung auf Freiwilligkeit beruht, will ich nicht in Frage stellen.
In der Praxis zeigt sich derzeit aber auch, dass sich viele Lehrkräfte zwar gerne pädagogisch weiterbilden, mit Digitalisierung aber nichts zu tun haben wollen. Oder sie wollen eine konkrete Handlungsanweisung haben, wie sie den Unterricht digital gestalten sollen.

Die Studie und der D21-Digital-Index 2016 zeigen aber auch, dass Digitalisierung „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist.
So schreibt es das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Mit dem – hoffentlich nicht einfach so gesagten – Digitalpakt und dem Strategiepapier der KMK zur „Bildung in der digitalen Welt“ zeigt der Bund, dass er verstanden hat.
Das öffentliche Bedürfnis nach der Einbindung digitaler Medien und Inhalte ist da. Es wird angegangen. Und wir können da mitziehen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Sagen Sie „Ja“ – und lassen Sie Ihr „Aber“ in diesem Punkt mal zu Hause. Nicht diskutieren – machen!

Zur digitalen Bildung gehört im Übrigen auch die informatische Bildung.
Da haben Sie, liebes Plenum, leider verschlafen.

Anstatt Vorreiter zu sein, schauen wir jetzt anderen Bundesländern, wie Baden-Württemberg oder dem Saarland zu, wie sie mit Informatik als Pflichtfach ihre Schüler auf die digitalisierte Gesellschaft vorbereiten.
Wir PIRATEN sind nach wie vor fest davon überzeugt, dass informatische Bildung zur allgemeinen Bildung gehört.
Informatische Bildung wird durch die Arbeit mit digitalen Medien im Unterricht nicht abgedeckt – vielmehr soll Informatik als Basiswissen fungieren, damit die Schüler ihre digitalen Geräte auch verstehen, und sie nicht nur benutzen können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir gemeinsam daran arbeiten, die Schulen in Schleswig-Holstein dahingehend zu festigen, dann können wir auch uns gratulieren.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


zum Thema:
https://www.landtag.ltsh.de/plenumonline/archiv/wp18/47/debatten/02.html

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